Geschichte des Schrebergartens: Vom Armengarten zur Oase
Veröffentlicht am: 05.09.2023 / Zuletzt aktualisiert am: 18.08.2026
Der Schrebergarten gehört zum deutschen Stadtbild wie grüne Lungen zur Metropole. Rund eine Million Kleingärten gibt es heute in Deutschland – davon sind etwa 900.000 in Verbänden organisiert und rund 200.000 in anderen Strukturen eingebunden. Über 13.500 Kleingärtnervereine sorgen dafür, dass vier bis fünf Millionen Menschen regelmäßig ins Grüne eintauchen. Doch der Weg von den ersten kargen Beeten des 19. Jahrhunderts bis zur modernen Freizeitoase im urbanen Raum war lang und von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. Woher stammt der Name, welche Rolle spielten die Gärten in Krisenzeiten und wie entwickelte sich das deutsche Kleingartenwesen zu einem echten Kulturgut?

Die Anfänge im 19. Jahrhundert: Armengärten und Industrialisierung
Die Wurzeln des modernen Kleingartens reichen tief in das 19. Jahrhundert zurück. Im Zuge der rasant fortschreitenden Industrialisierung zogen immer mehr Menschen vom Land in die wachsenden Städte. Die Wohnverhältnisse in den Arbeitervierteln waren extrem beengt, dunkel und unhygienisch. Eigene Gärten blieben Wohlhabenden vorbehalten. Um der Not der Arbeiterfamilien entgegenzuwirken und Mangelernährung vorzubeugen, entstanden die ersten organisierten Parzellen.
Bereits ab 1806 wurden in Kappeln an der Schlei sogenannte Armengärten angelegt. 1814 folgten ähnliche Initiativen in Schleswig-Holstein, später auch in Berlin, Frankfurt am Main und Dresden. Kommunen und Wohltäter vermieteten günstige Grundstücke an sozial schwächere Stadtbewohner. Dort pflanzten Familien vor allem ertragreiche Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln und Kohl an, um das Überleben zu sichern. Neben den Armengärten entwickelten sich im Laufe des Jahrhunderts weitere Formen wie Rotkreuz-Gärten, Arbeitergärten von Fabrikbesitzern und Eisenbahnergärten. Allerdings bremsten stark steigende Bodenpreise in vielen Großstädten das Wachstum rasch aus.

Dr. Moritz Schreber und der Leipziger Spielplatzverein
Entgegen einer weit verbreiteten Annahme legte der Namensgeber der Schrebergärten selbst nie einen Kleingarten an. Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808–1861) war ein Leipziger Arzt und Pädagoge. Er machte den zunehmenden Bewegungsmangel von Stadtkindern für Haltungsschäden und Krankheiten verantwortlich und forderte vehement bewachte Spiel- und Tummelplätze an der frischen Luft.
Nach Schrebers Tod griff der Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild diese Ideen auf. Gemeinsam mit einer Elterninitiative gründete er 1864 den ersten „Schreberverein“. Ein Jahr später, 1865, wurde der erste Schreberplatz in der Leipziger Westvorstadt feierlich eröffnet. Dabei handelte es sich keineswegs um eine Gartenanlage, sondern um eine Wiese mit Spiel- und Turngeräten.
Die Geburtsstunde des eigentlichen Gärtnerns schlug im Jahr 1868: Der engagierte Lehrer Heinrich Karl Gesell, der die Kinder auf dem Schreberplatz beaufsichtigte, ließ am Rand der Spielwiese kleine Beete anlegen. Hier sollten die Kinder den Umgang mit der Natur und Nutzpflanzen erlernen. Als die Kleinen jedoch nach und nach das Interesse verloren, sprangen die Eltern ein. Aus den verwilderten Kinderbeeten wurden Familienbeete. Man zäunte die Stücke ein, teilte sie systematisch auf und nannte sie ab 1870/1871 erstmals offiziell „Schrebergärten“.
Aus diesem Pionierprojekt entstand eine Bewegung, die sich schnell über ganz Deutschland ausbreitete. Allein in Leipzig zählte man um die Jahrhundertwende bereits über 5.000 Kleingärten. Das historische Vereinshaus des KGV „Dr. Schreber“ beherbergt heute das Deutsche Kleingärtnermuseum und erinnert an diese Anfänge. Während die frühen Schrebergärten aus einfachen Obst- und Gemüsebeeten ohne feste Gebäude bestanden, entwickelten sie sich im frühen 20. Jahrhundert rasch weiter.
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Krisenzeiten und Weltkriege: Der Kleingarten als Überlebensgarant
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wandelte sich die Rolle der Schrebergärten drastisch. Was als pädagogisches und gesundheitliches Projekt begann, wurde plötzlich zum essenziellen Pfeiler der nationalen Lebensmittelversorgung. Um Hungersnöte abzuwenden, beschlagnahmte der Staat ungenutzte Brachflächen im städtischen Raum und wandelte sie in Nutzgärten um.
Einen rechtlichen Meilenstein markierte das Jahr 1919: Die neu erlassene Kleingarten- und Pachtlandordnung (KGO) bot den Pächtern erstmals echten Kündigungsschutz und begrenzte die Pachtpreise rechtlich. Gleichzeitig schrieb die Verordnung vor, dass mindestens ein Drittel jeder Parzelle als Nutzgarten für Gemüse und Obst bewirtschaftet werden musste. Der Garten war damals kein Hobby, sondern eine Notwendigkeit zur Existenzsicherung.

In der Zwischenkriegszeit schlossen sich die verschiedenen Verbände zum Reichsverband der Kleingartenvereine Deutschlands zusammen. Während des Nationalsozialismus folgte die Gleichschaltung der Vereine. Der Staat förderte den Nahrungsanbau im Rahmen von Initiativen wie der „Brach- und Grabelandaktion“ von 1940 intensiv. Stadtparks, Rasenflächen und Sportplätze wurden zu Beeten umgegraben. Gleichzeitig boten versteckte Gartenlauben Verfolgten des NS-Regimes Zuflucht. So überlebte die Berliner Jüdin Ruth Winkelmann im Untergrund einer Schrebergartenlaube.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lagen viele Städte in Schutt und Asche. Die Not war riesig, und der Kleingarten rettete unzählige Familien vor dem Hungertod. Da Abertausende Menschen ihr Hab und Gut verloren hatten, nutzten viele Pächter ihre Lauben behelfsmäßig als dauerhafte Notunterkünfte. Obwohl das ständige Wohnen in Schrebergärten streng genommen unzulässig war, drückten die Behörden angesichts der enormen Wohnungsnot beide Augen zu und gewährten manchen Altpächtern sogar ein lebenslanges Wohnrecht.
Die Nachkriegszeit und das Bundeskleingartengesetz
Die deutsche Teilung hinterließ auch im Kleingartenwesen deutliche Spuren:
- In der DDR wurden die Kleingärtner im Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) straff organisiert. Die Pächter waren angehalten, Ernteüberschüsse an staatliche Ankaufstellen abzugeben, um Versorgungslücken in den Kaufhallen zu schließen.
- In der BRD wandelte sich das Bild mit dem Wirtschaftswunder. Die reine Selbstversorgung trat schrittweise in den Hintergrund. Anstelle von Kartoffel- und Kohlbeeten hielten Zierrasen, Blumenrabatten und gemütliche Sitzecken Einzug.
Mit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 schlossen sich die Verbände im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG) zusammen. Die rechtliche Grundlage für ganz Deutschland bildet seitdem das am 1. April 1983 in Kraft getretene Bundeskleingartengesetz (BKleingG).
Das Bundeskleingartengesetz: Regeln für Bauten und Nutzung
Das BKleingG schützt Kleingärtner vor Spekulation und regelt das Miteinander in den Anlagen streng. Ein zentraler Punkt betrifft die Bebauung auf der Parzelle:
- Eine Gartenlaube darf eine Grundfläche von maximal 24 Quadratmetern einschließlich überdachtem Freisitz nicht überschreiten.
- Die Laube darf nach ihrer Beschaffenheit nicht zum dauerhaften Wohnen geeignet sein. Gelegentliches Übernachten an Wochenenden im Sommer ist gestattet.
- Es ist nur höchstens ein Gartenhaus pro Parzelle zulässig.
Wer auf seinem privaten Grundstück oder in einer Anlage bauen möchte, sollte sich stets über die regionalen Vorgaben informieren. Detaillierte Hinweise finden Sie in unserem Ratgeber über Bauvorschriften für Gartenhäuser. Zudem gelten in einzelnen Bundesländern und Städten spezifische Regelmuster – etwa beim Thema Gartenhaus-Baugenehmigung in Berlin oder den Bestimmungen für die Gartenhaus-Baugenehmigung in Hamburg.
Das Gesetz deckelt zudem die Jahrespacht auf maximal das Vierfache der ortsüblichen Pacht für den erwerbsmäßigen Obst- und Gemüsebau. Dadurch bleiben Kleingärten für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.
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Vom Spießereck zur modernen Stadtoase
In den 1970er- und 1980er-Jahren haftete dem Schrebergarten ein verstaubtes Image an. Akkurat gestutzte Hecken, Gartenzwerge und strikte Vereinsregeln galten als Inbegriff deutscher Kleinbürgerlichkeit. Doch dieses Image hat sich grundlegend gewandelt. Heute erleben Kleingärten eine eindrucksvolle Renaissance.

Junge Familien, Studenten und Stadtbewohner entdecken das Gärtnern als Ausgleich zum hektischen Berufsleben. Der Eigenanbau von Bio-Gemüse, die Erhaltung alter Obstsorten und das nachhaltige Leben stehen im Mittelpunkt. Auch alternative Konzepte wie Urban Gardening oder Hochbeete auf dem Balkon bauen auf dem Grundgedanken des Schrebergartens auf.
Ökologische und soziale Funktion für die Stadt
Das moderne Kleingartenwesen erfüllt weit mehr als nur den Zweck der Freizeitgestaltung:
- Ökologisches Potenzial: Rund 84 Prozent aller Kleingartenanlagen sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie dienen als grüne Lungen der Städte, verbessern das Mikroklima und bieten Rückzugsräume für geschützte Insekten, Vögel und Pflanzenarten.
- Soziale Integration: In den Vereinen kommen Menschen unterschiedlichster Generationen, Einkommensklassen und Herkünfte zusammen. Das nachbarschaftliche Miteinander fördert den Zusammenhalt und den Austausch von Fachwissen.
- Kulturelles Erbe: Die Bewirtschaftung von Parzellen blickt auf eine über 160-jährige Tradition zurück und vermittelt handwerkliches sowie gärtnerisches Wissen.
Während in Wachstumsregionen und Ballungsräumen die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches übersteigt und Interessenten mit jahrelangen Wartelisten rechnen müssen, bilden sich in ländlichen oder schrumpfenden Regionen vereinzelt Leerstände ab. Dennoch befindet sich rund die Hälfte aller deutschen Parzellen in den ostdeutschen Bundesländern, wo die Kleingartenkultur tief verwurzelt ist.
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Mit einer durchschnittlichen Parzellengröße von rund 370 Quadratmetern bietet der Schrebergarten auch heute noch genau das, was sein geistiger Vater Dr. Moritz Schreber einst forderte: einen gesunden Raum für Bewegung, Natur und Gemeinschaft unter freiem Himmel.
Häufig gestellte Fragen
Der Name geht auf den Leipziger Arzt und Pädagogen Daniel Gottlob Moritz Schreber zurück. Er forderte im 19. Jahrhundert mehr Bewegung für Kinder an der frischen Luft. Obwohl er selbst keine Gärten anlegte, benannte der Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild 1864 den ersten Spielplatzverein ihm zu Ehren. Aus den Randbeeten dieses Spielplatzes entstanden schließlich die ersten echten Schrebergärten.
Nach dem Bundeskleingartengesetz (BKleingG) darf eine Gartenlaube in einer Kleingartenanlage eine Grundfläche von maximal 24 Quadratmetern inklusive überdachtem Freisitz nicht überschreiten. Gebäude müssen in einfacher Ausführung errichtet werden und dürfen rechtlich nicht für das dauerhafte Wohnen genutzt werden.
In Krisenzeiten und während beider Weltkriege sicherten Kleingärten das Überleben von Millionen Menschen durch den Anbau von Obst und Gemüse. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten Gartenlauben oft als Behelfsunterkünfte gegen die Wohnungsnot. Heute erfüllen sie vor allem ökologische, soziale und Erholungsfunktionen in den Städten.
Quellen
- Deutsches Kleingärtnermuseum Leipzig – Geschichte des Schreberwesens
- Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung – Städtebauliche und soziale Bedeutung des Kleingartenwesens
- Deutscher Bundestag – Sachstand zur Entwicklung des Kleingartenwesens in Deutschland
- WDR Stichtag – Das Bundeskleingartengesetz und seine Geschichte
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